Zeit der Aufklärung - aufgeklärte Zeit?

Der Begriff „Aufklärung“ als Bezeichnung einer geistesgeschichtlichen Epoche des 18. Jahrhunderts in Europa gehört zum historischen Allgemeinwissen und hat einen festen Platz in den Lehrbüchern.

Wir selbst leben - so liest und hört man allenthalben - in einer „aufgeklärten Zeit“. Das Hauptwort „Aufklärung“ wurde zum Eigenschaftswort "aufgeklärt", woraus man schließen könnte, dass die Bemühungen der „Aufklärer“ auf fruchtbaren Boden gefallen und ihre Gedanken und Ideen verwirklicht sind.

Ist das so? - Dieser Frage will ich nachgehen.

Zu Beginn meiner Betrachtungen möchte ich einige Maxime und Ziele der Aufklärung kurz in Erinnerung rufen, weil ich glaube, dass dies die Erörterung erleichtert.

Zuerst einige Sätze zur französischen Aufklärung. Sie hatte maßgeblichen Einfluss auf die Rechts- und Staatslehre. Ihre Kritik galt den gesellschaftlichen und politischen Zuständen zur Zeit Ludwig XV. Der scheinbar unüberwindlichen Macht von Kirche und Staat setzten Philosophen und Schriftsteller wie Charles de Montesquieu (Gewaltenteilung), Voltaire (Würde des Menschen), Jean-Jacques Rousseau (Volkssouveränität) und Denis Diderot ihr „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ entgegen. Speerspitze ihrer Publikationen war die von Diderot herausgegebene französischen Encyclopédie (1751-1772), das größte Buchprojekt aller Zeiten, von dem man sagte, dass es von der Nadelherstellung bis zum Kanonenguss alles enthielt.

Im Zentrum der so genannten Aufklärungsphilosophie stand die Abkehr von einer mystisch-spekulativen Tradition und der Glaube an die Kraft der menschlichen Ratio: Überlieferte Werte, Institutionen, Konventionen und Normen wurden bewusst in Frage gestellt, um ihre rationale Legitimation zu überprüfen.

Letztlich glaubte man, dass der Mensch besser werde, wenn es ihm besser gehe, dass seine Vernunft ein vernünftiges Verhalten garantiere, wenn man ihn nur schalten und walten lasse, und dass seine Natur gut sei, sobald er ihr ohne Einengung folgen dürfe. Dieser Glaube an die menschliche Vernunft lässt sich zurückverfolgen bis zu den großen Humanisten und Aufklärungsphilosophen der Antike, wie z. B. Sokrates und die Stoiker, die daran glaubten, dass es ein Recht gebe, das sich auf die zeitlose Vernunft des Menschen begründe, womit sie die Grundlagen des Naturrechtes schufen.

In Deutschland war der Hauptvertreter der Aufklärungsphilosophie Immanuel Kant. Er verstand Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Unmündigkeit war für ihn „das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Hilfe eines anderen zu bedienen“. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit nach seiner Auffassung, „wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Das Motto des Zeitalters fasste Kant als „Sapere aude!“ zusammen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Zu beachten ist, dass er vom „Ausgang“ aus der Unmündigkeit spricht. Dabei handelt es sich nahezu um das Gegenteil dessen, was man unter dem heutigen Schlagwort „Ausstieg“ versteht. Denn aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit kann niemand aussteigen, man kann sich nur aus ihr herausentwickeln und dabei lernen aufrecht zu gehen.

Aber Kant sagt nicht nur, was er unter selbstverschuldeter Unmündigkeit versteht, sondern auch was er für ihre Ursachen hält:

„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (...), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben, und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. (...) Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, sich durch eigene Bearbeitung ihres Geistes aus der Unmündigkeit herauszuwickeln,...).“

Für Kant war die Aufklärung die geistige Unabhängigkeitserklärung des Menschen. Er starb 1804, also vor genau zweihundert Jahren und ich denke, es lohnt sich nachzufragen, was sein „Sapere aude“ bewirkt hat. Verstauben seine kühnen Worte in den Lehrbüchern der Geschichtsphilosophie oder haben sie einen Prozess in Gang gesetzt, der bis heute anhält?

⇑ Nach oben

Bevor ich eine Antwort versuche, noch eine Präzisierung: Der Gebrauch des eigenen Verstandes setzt Selbstprüfung und Selbsterkenntnis zwingend voraus. Nur was durch das eigene souveräne ICH (nicht zu verwechseln mit einem zwanghaften Ego) gegangen ist, zählt. Das hat nichts mit Besserwisserei zu tun. Vielmehr ist Suchen das Ziel und dabei muss ich selbstverständlich zulassen, dass ich vieles nicht wissen kann. Wenn ich diesem Ansatz folge, muss vor „Sapere aude“ „Erkenne dich selbst“ stehen.

Zuerst einen Blick auf unser Erwerbsleben:

Wir leben in einer atemberaubenden Zeit. Wer in unserer hoch spezialisierten technisch - medialen Zivilisation bestehen will, muss sich ihren Gesetzen nahezu bedingungslos unterwerfen. Ein solches Verhalten muss eingeübt werden. Das heißt, Erziehung und Bildung, falls die reine Vermittlung von Kenntnissen so genannt werden kann, laufen darauf hinaus, den jungen Menschen so zu präparieren, dass er sich in dieser Zivilisation möglichst erfolgreich, sicher und unauffällig bewegen lernt. Als Lohn für sein konformistisches Verhalten wird ihm Erwerb materieller Güter oder Besitz von Macht, was meist ein und dasselbe ist, versprochen. Das alles geschieht vor dem Hintergrund einer extrem arbeitsteiligen Welt, einem persönlichkeitsfeindlichen System, das nur dann ohne Reibungsverlust funktioniert, wenn die Menschen ihr ICH hinter die kalte Ratio wirtschaftlicher Interessen zurückstellen. Gefragt ist also ein unkomplizierter, unbekümmert konsumierender, leicht zu lenkender Massentyp, der sich selbst entfremdet ist. Sein ICH soll gleichsam nur noch Umschlagplatz von Reizen, Wünschen und Massenanschauungen sein, bar jeder Personalität.

Nun könnte man einwänden, dass zumindest an der Spitze dieses Systems Persönlichkeiten stehen müssen, die das Ganze in kreativer Weise in Gang halten, weiterentwickeln und steuern. Mag sein, dass es sie gibt. Nur muss man darauf achten, dass man nicht von Persönlichkeiten spricht, wenn man Funktionäre meint.

In einem solchen System der vollständigen Anpassung können Menschen ohne Lebenslügen kaum existieren. Lebenslügen setzen aber voraus, dass das ICH als kritische, selbstbeurteilende Instanz aufgegeben wird.

Zwischen dieser Geisteshaltung und Kants unmissverständlicher Aufforderung zur Loyalität im „anvertrauten bürgerlichen Posten oder Amte“ liegen Welten. Auch wenn er schreibt: „Hier ist es nun freilich nicht erlaubt, zu räsonnieren; sondern man muss gehorchen“, meint er damit nicht, dass man mehr mit dem Kopf des Chefs, als mit dem eigenen denken muss, um vorauseilend gehorsam sein zu können, sondern, dass man seine eigenen Vorstellungen u.U. zurückstellen muss, um eine „künstliche Einhelligkeit“ zum Wohle übergeordneter Zwecke herzustellen oder zu erhalten. Wichtig ist ihm dabei, dass die Einschränkung des Gebrauchs der eigenen Vernunft nicht geeignet sein darf „den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern“.

Zum Glück gibt es neben dem Erwerbsleben ja noch die Freizeit, die jeder Mensch nach eigenem Gusto frei gestalten kann und in der er an keine Weisungen gebunden ist. Sie bietet Zeit und Raum, sich selbst zu erforschen, eigene Neigungen, Stärken und Schwächen zu erkunden, kurzum sich selbst zu entdecken und zu verwirklichen, um so den Ausgang aus der ?selbstverschuldeten Unmündigkeit? zu finden. Die Frage ist nun: Nutzen wir diese Chance?

Viele Menschen sind Terminkalender auf zwei Beinen, telefonierende, E-mail versendende, planende, immer rational handelnde ökonomische Wesen. Sei es nun am Feierabend oder im Urlaub, irgendwann müssen auch diese vernunftbegabten Arbeitsmaschinen einmal abschalten. Auf diesen Augenblick lauert ein ganzes Gewerbe mit glitzernden Vorschlägen zur Zerstreuung.

Für die Gestaltung des Urlaubs steht eine Industrie mit fertigen Konzepten Gewehr bei Fuß, die bereit ist, gegen Bezahlung das „verdrießliche Geschäft“ der Planung weitgehend zu übernehmen. Das Ergebnis ist ein Massentourismus, der für Individualität kaum Raum lässt.

⇑ Nach oben

Es verlangt eben viel Einsicht, auf einer Italienreise an Stelle von zehn Kirchen am Tag nur eine anzusehen, aber diese so, dass man sie als unzerstörbares Bild in seiner Seele heimträgt. Oder nur wenige Kunstwerke, Städte, Landschaften in Ruhe auf sich wirken zu lassen, um sie so in sich aufzunehmen, dass sie dem eigenen ICH zur Nahrung werden.

Und am Feierabend? Internet, Muckibude, Fußballclub, Jogging, Kegelclub, Kneipe usw., usw. Natürlich gibt es auch ruhigere Entspannungsübungen, wie z.B. Joga und Meditation. Hauptsache, man tut etwas.

Eines steht so gut wie nie auf dem Plan: Nichtstun. Dabei ist Nichtstun der wahre Gegenpol zur hektischen Betriebsamkeit. Nur wenn wir nichts tun, kommt die Stille zu uns und mit ihr Gedanken, die uns letztlich befähigen, aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit herauszugehen“. Aber wer hält schon seine eigenen Gedanken aus? „Mit sich selbst ist man in schwieriger Gesellschaft“, sagte schon Mark Twain.

Eine letzte Betrachtung: Kant sagt „Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, -.., so brauche ich mich ja selbst nicht zu bemühen.“ Zu Kants Zeit war es nur ein Buch, heute ist es eine Welt von Kommunikationsmitteln. Tag für Tag werden über Funk, Fernsehen, Presse und Internet unzählige Informationen verbreitet, deren Wahrheitsgehalt kaum jemand nachprüfen kann, und die zum großen Teil bereits am nächsten Tag unbedeutend sind. Selbst Journalisten sprechen davon, dass die tägliche Informationsflut eher verwirrt als informiert.

Ein Verzicht auf pausenlose Berieselung (inkl. Boulevard und Werbung) macht niemanden zum ahnungslosen Toren! Ganz abgesehen davon, dass die Übersättigung mit Nachrichten, fremden Meinungen, lancierten Meldungen und gemachten Sensationen kaum zu einem zutreffenden Weltbild führt.

Wie Kant erklärt, müssen wir lernen, uns unseres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Die Medien können nicht für uns denken, das müssen wir schon selbst tun.

Meine Antwort auf die Frage nach dem Fortwirken der Aufklärung in unsere Zeit fällt dreigeteilt aus:

Die Grundsätze der französischen Aufklärung, soweit sie Rechts- und Staatslehre betreffen, sind in unserem Land Verfassungswirklichkeit und wirken somit unmittelbar in unseren Alltag.

Das übrige Credo der Aufklärer, dass der Mensch besser werde, wenn es ihm besser gehe, dass seine Vernunft ein vernünftiges Verhalten garantiere, wenn man ihn nur frei schalten und walten lasse, und dass seine Natur gut sei, sobald er ihr ohne Einengung folgen dürfe, wurde nach meiner Auffassung spätestens im letzten Jahrhundert zur Farce.

Was Kants Vorstellung von der Nutzung des eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen angeht, sieht es nach meiner Auffassung düster aus. Mein Eindruck ist, dass hinter der pausenlosen Inanspruchnahme des Menschen in Beruf und Freizeit das Kalkül einer materialistischen Gesellschaft steht, dem die zum Teil perfide Meinungsmache der Medien Vorschub leistet, um den Homo oeconomicus nicht zum Nachdenken kommen zu lassen. Hier bedarf es nach meiner Auffassung eines Gegengewichtes: Wir brauchen dringend ein neues Zeitalter der Aufklärung!

⇑ Nach oben