Lüge, ein evolutionäres Prinzip?

Der Welt Wagen und Pflug sind Lug und Trug! Sie glauben diesen alten Spruch nicht unterschreiben zu können? Täuschen Sie sich nicht! Ich selbst gehe noch viel weiter und behaupte: Die Täuschung ist ein evolutionäres Phänomen, ohne das die Welt nicht existieren könnte. Lug und Trug haben die Welt bewegt und bewegen sie noch. So pendelt das ethische Urteil über die Lüge denn auch zwischen unbedingter Verurteilung und pragmatischer Lizenz. In knapper Auswahl möchte ich dieses Spannungsfeld im Folgenden darstellen.

Wenn ich mit meiner Annahme Recht habe, dass die Lüge existentielle Bedeutung hat, muss sie die Menschheit seit ihrem Bestehen beschäftigen. Und in der Tat, bereits auf den ersten Seiten der Genesis spielt sie eine zentrale Rolle, denn Kain belog Gott schamlos, als er behauptete, nicht zu wissen wo sein Bruder Abel sei. Und so geht es weiter. Jakob belügt seinen blinden Vater, um das Erbe seines Bruders Esau zu erschleichen. Die Brüder Josefs belügen ihren Vater über dessen Verbleib und der belügt seine Brüder als sie in Ägypten vor ihm stehen, um nur einige Beispiele zu nennen. Demgegenüber steht das göttliche Gebot: Du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen gegen deinen Nächsten. Eine Auseinandersetzung mit diesem biblischen Widerspruch bleibt den Kirchenlehrern vorbehalten, auf die ich noch zu sprechen komme.

Aber nicht nur in vorgeschichtlicher Zeit spielte die Lüge eine große Rolle, sondern auch in der Antike.

Hier kann man bereits am Lebenswandel der Götter erkennen, dass die Lüge damals wohl nicht als die ethische Verfehlung gesehen wurde, wie das heute der Fall ist, denn die Bewohner des Olymp logen und betrogen, dass sich die Balken bogen. Denken Sie an Zeus, der seinen Schöpfungsauftrag wohl in erster Linie darin sah, möglichst viele Sterbliche zu schwängern und um dieses Ziel zu erreichen die abenteuerlichsten Maskeraden vollführte. Auch der viel gepriesene Odysseus war ein Lügner par excellence. Das heißt, die großen Vorbilder jener Zeit hatten nach heutiger Sicht einen zweifelhaften Charakter. Aber eben nur nach heutiger Sicht. Dass man die Dinge damals anders sah, kann man schon daran erkennen, dass es in der altgriechischen Sprache kein spezielles Wort für die Lüge gab. Der Ausdruck „pseudos“ stand sowohl für Irrtum als auch für Lüge.

Dennoch haben sich auch die großen Philosophen jener Zeit mit der Lüge auseinander gesetzt. So z.B. Sokrates (Platon) im Dialog „Kleinerer Hippias“. Hier sollte u.a. die Frage geklärt werden, wer der moralisch Überlegenere sei Achilles oder Odysseus. Dabei kommt Sokrates zu dem erstaunlichen Ergebnis: Wer wie Odysseus bewusst die Unwahrheit sagt, ist moralisch besser zu bewerten als Achilles, der sich irrte. Diese Haltung ist nur zu verstehen, wenn man weiß, dass Sokrates der Auffassung war, Unwissenheit (die ja beim Irrtum Achilles vorlag) sei die Quelle alles Bösen.

Diese Auffassung wird allerdings wenige Jahre später von Aristoteles heftig bestritten, der die Doktrin vertrat, die Lüge sei schlecht und könne niemals gutgeheißen werden.

Diese Ansicht vertrat auch der vielleicht bedeutendste Kirchenlehrer, nämlich der hl. Augustinus, der an der Epochengrenze zwischen Spätantike und Mittelalter von 354 bis 430 lebte. Damit stand er vor dem bereits erwähnten Problem, die Lügen großer biblischer Stammväter und Heiliger in den Kontext seiner ethischen Vorstellung bringen zu müssen. Er tat das auf äußerst geschickte Weise, in dem er sinngemäß sagte: Die Lüge ist und bleibt eine Sünde, aber diese Leute folgten (ohne es zu wissen) gewissermaßen einem übergeordneten göttlichen Plan und dadurch war der Nutzen ihrer Lüge so groß, dass sie auf Verzeihung dieser Sünde hoffen konnten. Aber festzuhalten bleibt: Es bedarf nach seiner Auffassung der göttlichen Verzeihung. Niemals kann in seinen Augen der Zweck die Mittel heiligen. Das Problem des Verschweigens der Wahrheit löste er ebenfalls äußerst elegant, in dem er sagte: „Zwar muss alles was du sagst wahr sein, aber du brauchst nicht alles zu sagen was wahr ist.“

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Das wiederum sah der Renaissancemensch Niccolo Machiavelli völlig anders. Er sah in der Lüge ein wirksames Mittel der Macht. Seine Auffassung kennzeichnet einen Bruch mit den überlieferten Wertvorstellungen und führte letztlich zu einer neuen, nüchtern-realistischen Betrachtung der Politik. Machiavelli propagierte eine Haltung, die sich allein an der Zweckmäßigkeit zur Durchsetzung eigener Ziele orientierte, notfalls auch im Widerspruch zu eigenen Überzeugungen und Wertvorstellungen. Denn er betonte ausdrücklich, dass Lüge Lüge bleibt und Mord Mord. Ungeachtet dessen empfiehlt er: „Er (der Fürst) muss verstehen, sich zu drehen und wenden nach dem Winde....“. Nach seiner Auffassung gibt es in der politischen Wirklichkeit nicht Gut und Böse, sondern nur untaugliche und taugliche Mittel und zu den Letzteren gehörten eben auch Lug und Betrug.

Im krassen Gegensatz zur Theorie Machiavellis, die sich nur am Opportunen orientiert, steht die Auffassung Kants, die sich ausschließlich am Ethischen orientiert.

Der französische Philosoph Constant moniert das unbedingte Festhalten Kants an moralischen Prinzipien und macht ihm den Vorwurf des Rigorismus (der bis heute nicht ausgeräumt ist) und schreibt: Es ist eine Pflicht, die Wahrheit zu sagen. Der Begriff von Pflicht ist unzertrennbar von dem Begriff des Rechts. Eine Pflicht ist, was bei einem Wesen den Rechten eines anderen entspricht. Da, wo es keine Rechte gibt, gibt es keine Pflichten. Die Wahrheit zu sagen, ist also eine Pflicht; aber nur gegen denjenigen, welcher ein Recht auf die Wahrheit hat. Kein Mensch aber hat Recht auf eine Wahrheit, die anderen schadet.(....)

Kant erwidert: „Wahrhaftigkeit in Aussagen, die man nicht umgehen kann, ist formale Pflicht des Menschen gegen jeden, es mag ihm oder einem anderen daraus auch noch so großer Nachteil erwachsen; (....) Denn sie (die Lüge) schadet jederzeit einem anderen, wenn gleich nicht einem anderen Menschen, doch der Menschheit überhaupt, in dem sie die Rechtsquelle unbrauchbar macht.(....) Denn jener ist hierin gar nicht frei, um zu wählen, weil die Wahrhaftigkeit (wenn er einmal sprechen muss) unbedingte Pflicht ist, die in allen Verhältnissen gilt“.

Irgendwo zwischen dem „Opportunismus“ Machiavellis und dem „Rigorismus“ Kants ist die Theorie des Utilitarismus angesiedelt. Der Utilitarismus ist eine Theorie der Ethik des Rechts und der Sozialphilosophie. Nach dieser Lehre kann eine Handlung dann als ethisch gut beurteilt werden, wenn sie für das Glück der meisten Menschen förderlich oder nützlich ist. Diesem Prinzip wird u.a. auch die Beurteilung der Lüge untergeordnet.

„Der Zweck ist der Schöpfer des ganzen Rechts“ behauptete der Rechtswissenschaftler Prof. Ihering, dessen Denkweise als utilitaristisch bezeichnet werden kann, in seinem zwischen 1863 und 1877 erschienen Werk? Der Zweck im Recht“.

Im Bereich des Rechts nennt er die Wahrheit Ehrlichkeit und die Lüge Betrug, während er dieses Begriffspaar im Bereich der Moral Wahrhaftigkeit bzw. Lüge nennt. Iherings Definitionen unterscheiden weiter hinsichtlich dessen, was die unwahre Information beim Empfänger auslöst: Wir betrügen, wenn wir zum falschen Handeln veranlassen, wir belügen, wenn wir zum falschen Glauben veranlassen. Nach Ihering ist „der Grund, warum die Gesellschaft die Lüge und den Betrug in den Bann getan hat durchaus ein praktischer “ sie kann bei ihnen nicht bestehen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich klar zu machen, dass der größte Teil unseres Wissens in Wirklichkeit nichts als Glaube ist. Würde sich die Gesellschaft bei der Lüge wohler befinden, wäre diese gesellschaftlich, also sittlich geboten?. Die Verurteilung der Lüge aus metaphysischen Gründen lehnt Ihering als Ausfluss eines sich selbst übergipfelnden ethischen Idealismus ab. Er glaubte im Gegensatz zur jüdisch-christlichen Auffassung nicht daran, dass es eines Sündenfalls bedurfte, um die Lüge in die Welt zu bringen. Er war vielmehr der Ansicht, dass nicht die Wahrheit sondern die Lüge das Ursprüngliche und sogar Triebfeder für die Entwicklung von Sprache, Geist und Kultur war.

Ganz unabhängig davon, wer nun Recht hat, in einem bin ich mir sicher: Die Lüge ist im menschlichen Leben allgegenwärtig. Denken Sie z.B. an die Selbsttäuschung, an die Unterdrückung von Gefühlen um Enttäuschungen zu verbergen, an die kleinen Listen und Tricks mit denen der Einzelne versucht, sich Vorteile zu verschaffen, an das Kalkül in Kunst, Politik und Werbung. Um glaubwürdig zu bleiben, müssen die Strategien in all diesen Bereichen ständig weiterentwickelt werden.

Damit komme ich zur Gegenwart und der Frage, wie gehen wir mit Wahrheit und Lüge um? Welchen Stellenwert hat die Wahrheit in Gesellschaft, Beruf und Familie? Und was ist mit den Medien? Werden wir informiert oder manipuliert? Ich denke, die Antworten auf diese Fragen muss jeder für sich finden.

Ich selbst habe mir schon oft die Frage gestellt, ob menschliches Zusammenleben ohne Lug und Trug überhaupt möglich ist. Oder anders gefragt: Gibt es überhaupt einen Lebensbereich ohne Lüge? Ich glaube nicht. Was wäre, wenn die Menschen die Aufforderung befolgten, das Lügen zu lassen? Die Folgen wären entsetzlich! Das ganze soziale Gefüge bräche zusammen, wenn die Menschen sich gnadenlos ins Gesicht sagten, was sie voneinander hielten. Das Ende aller Beziehungen wäre gekommen.

Dennoch, in allen Kulturkreisen gilt die Lüge als moralisch verwerflich und das aus gutem Grund. Denn ich glaube Ihering hat Recht, wenn er annimmt, dass eine Gesellschaft, die auf Lug und Trug aufgebaut ist, nicht bestehen kann; und füge hinzu: Das gilt für jedes menschliche Miteinander.

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