
„VS-Vertraulich“
Preis: 9,80 €
Umfang: 160 Seiten
Brandenburg 17, 56856 Zell/Mosel
Telefon: 06542/5151, Fax: 06542/61158
Taschenbuch, ISBN 978-89801-316-1
Bonn, Hardthöhe, Montagmorgen. Ein sonniger Tag kündigt sich an, ein Arbeitstag wie jeder andere im Bundesministerium der Verteidigung. Für Friedhelm Müller droht er zum Schicksalstag zu werden.
Der Außenseiter Müller ist Oberregierungsrat, verbeamtet auf Lebenszeit. Er führt beruflich wie privat ein Nischendasein, das vor allem eines gewährleisten soll: Sicherheit. Doch genau die gerät in Gefahr, als er eine Affäre mit der eigenwilligen und schönen Büroangestellten Ute Krasseck beginnt. Die „graue Maus“ Müller bekommt eine Ahnung von Leidenschaft, die ihm in seinem tristen Eheleben bislang verborgen geblieben ist.
Müller und Krasseck werden am frühen Montagmorgen beim Liebensakt auf dem Büroschreibtisch von der Putzfrau erwischt. Diese rennt schreiend davon und posaunt ihre Entdeckung heraus. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Neuigkeit im Ministerium. Eine Sensation: der langweilige Müller mit der Schönheit des Referats ZI1.
Im starren Gefüge des Bundesministerium der Verteidigung, wo Macht und Karrieredenken den Ton angeben, sind solche Dinge nicht vorgesehen. Abweichler und Tabubrecher haben keinen Platz, sie dürfen nicht sein an einem Ort, wo nicht nur die Arbeitsabläufe bis ins Kleinste reglementiert und vom Egoismus der Etablierten bestimmt werden.
Am Ende dieses ganz normalen Montags in der „geschlossenen Gesellschaft Bundesministerium der Verteidigung“ werden der Beamte Friedhelm Müller und die Angestellte Ute Krasseck nicht mehr sein können, was sie vorher waren.
Frau Hüyez fielen Besen und Schaufel aus der Hand und sie tat einen markerschütternden Schrei, der schaurig durch das noch in tiefer Stille liegende Gebäude gellte. Nach einer Schrecksekunde rannte die mollige Frau - immer noch schreiend - mit einer Geschwindigkeit, die ihr kein Mensch zugetraut hätte, in Richtung Treppe.
Die Liebenden waren wie vom Donner gerührt. Hastig zogen sie sich an und stürzten, um zu retten, was vielleicht noch zu retten war, auf den Flur. Vergebens. Die schrillen Schreie waren in der Ferne verhallt und Frau Hüyez wie vom Erdboden verschluckt.
Frau Hüyez hatte in den Abgrund abendländischer Verderbtheit geblickt und empfand das, was sie gesehen hatte, als einen Angriff auf die Grundfesten ihrer sittlichen Werte. Sie fühlte sich verletzt und gedemütigt. Ungeahnte Kräfte und ließen sie die fast dreihundert Meter bis zum Gebäude des Inneren Dienstes im Laufschritt zurücklegen. Völlig verausgabt kam sie dort an. Ihr Puls raste, die Adern standen ihr fingerdick auf der feuerroten, schweißnassen Stirn und ihre Atemnot hinderte sie daran, auch nur ein Wort herauszubringen, als sie endlich vor dem Schreibtisch von Regierungsoberinspektor Kalinowsky stand.
Kalinowsky war gerade mit Akribie dabei, die am Freitag eingegangenen Meldungen über Falschparker in der Liegenschaft zu sichten und nach der Schwere der Verfehlung zu sortieren, als die Tür aufflog und die Putzfrau wie ein Kugelblitz in sein Dienstzimmer fuhr. Mit pfeifendem Atem stand sie wild gestikulierend vor ihm und klopfte entweder mit der einen flachen Hand auf die zur Faust geballte andere oder fuchtelte mit beiden Armen in die Richtung, wo ihr Putzrevier lag.
Kalinowsky verstand nicht, was die Frau wollte, und war drauf und dran, den Sicherheitsdienst anzurufen, weil er glaubte, sie sei von Sinnen. Aus ihrem Gekeuche hörte er immer wieder Worte, mit denen er nichts anzufangen wusste, weil er der türkischen Sprache nicht mächtig war.
Aber auf sein Zureden hin beruhigte sich Frau Hüyez nach und nach und begann, so gut sie konnte, ihr schreckliches Erlebnis zu schildern. Augenscheinlich fiel es ihr nicht leicht, das Unaussprechliche in Worte zu fassen. Aber irgendwie gelang es ihr doch, deutlich zu machen, was sie so aus der Fassung brachte, und noch während sie sprach, fand eine Art Metamorphose statt, denn im gleichen Maße, in dem sich Frau Hüyez allmählich abregte, regte Kalinowsky sich auf.
Zwar hatte er einen PC und war sich - obwohl er als Beamter des gehobenen Dienstes diktatberechtigt war - nicht zu schade, gelegentlich das eine oder andere kurze Schreiben selbst zu tippen, aber in diesem Falle griff er zu seinem Diktiergerät. Schließlich ging es hier um eine Angelegenheit, die höchste amtliche Autorität verlangte. Also begann er damit, die Aussage von Frau Hüyez zu protokollieren. Nachdem diese selbst nach seiner insistierenden Befragung (die einem strengen Beichtvater zur Ehre gereicht hätte) nichts mehr zu sagen wusste, schloss er das Protokoll mit wohlgesetzten Worten und rannte zum Schreibdienst und übergab den Tonträger der Leiterin persönlich, nicht ohne zuvor auf die Brisanz des Inhaltes und die Eilbedürftigkeit der Angelegenheit hingewiesen zu haben.
Roswitha Kahlscheuer, von den Kolleginnen Rosi genannt, nahm den kleinen Tonträger von der Chefin entgegen. Schon die Worte „Besonderes Vorkommnis“ ließen die Schreibkraft aufhorchen. Als sie dann aber hörte, worum es ging, traute sie ihren Ohren nicht und vermutete hinter der Tatsache, dass man ausgerechnet ihr das Band gegeben hatte, einen erneuten Mobbingversuch. Denn dass sie mit achtundzwanzig Jahren noch unverheiratet war und auch keinen Freund hatte, führte immer wieder zu Anspielungen und hier und da auch zu sexistischen Bemerkungen, die sie aber nicht mehr hinnehmen wollte. Erst vor kurzem hatte sie sich bei der Frauenbeauftragten über einen jungen Sachbearbeiter beschwert, der sich in abfälliger Weise über ihre Rocklänge geäußert hatte. Sie wollte nicht ständig belehrt oder kritisiert werden, wenn es um ihr Äußeres ging. Schließlich war es ihre Sache, dass sie gerne Blusen und Pullover mit Kunstperlen, Stickereien auf Hosen und Röcken oder Spangen in ihrem langen, blond gelockten Haar trug.
Seit einem Monat kämpfte sie konsequent gegen ihre überzähligen Pfunde, denn bei einer Größe von einem Meter neunundfünfzig waren achtundsechzig Kilo natürlich zu viel. Zum Frühstück gab es Müsli, Obst zum Mittagessen und abends kalorienarmes Kalb- oder Geflügelfleisch in kleinen Mengen und dazu etwas Salat. Sie hatte schon drei Kilo abgenommen, leider an den falschen Stellen. Von der Hüfte abwärts hatte sich bisher zu ihrem Kummer noch nicht viel verändert, obwohl es dort am notwendigsten gewesen wäre. Stattdessen war ihr ohnehin nicht üppiger Busen kleiner geworden.
Bereits in der Adventszeit hatte sie einen Anlauf genommen, Pfunde loszuwerden, aber schnell einsehen müssen, dass sie den vorweihnachtlichen süßen Versuchungen nicht widerstehen konnte. Doch jetzt im Frühjahr musste sie es schaffen, denn sie hatte für den Sommerurlaub erneut Ibiza gebucht und dort wollte sie ihren Bikini tragen. Vielleicht fand sie dieses Mal den Mann ihrer Träume, wenn auch die Erfahrungen der letzten Jahre wenig ermutigend waren. Es war nicht so gewesen, dass niemand sie beachtete. Immer wieder hatten Männer versucht, mit ihr anzubandeln, aber sobald der Kontakt enger wurde, hatte sich in ihr eine Abwehrhaltung aufgebaut, derer sie nicht Herr wurde. Dann reagierte sie abweisend, ja zum Teil schroff, obwohl sie sich Nähe und Intimität wünschte. Sie hasste diese innere Stimme, die ihr immer wieder zur Vorsicht riet. Sie hatte sich ernsthaft vorgenommen, in dieser Sache einen Therapeuten aufzusuchen, um ihre innere Stimme loszuwerden. Was sie davon noch abhielt, war die zu erwartende spöttische Reaktion der Kolleginnen, denn ihr war klar, dass sie eine Therapie, die möglicherweise über Monate ging, nicht geheim halten konnte. Aber wenigstens gefährdete eine solche Maßnahme nicht ihren Arbeitsplatz, denn sie wusste von Kollegen, die sich seit geraumer Zeit in solchen Behandlungen befanden, dass ihnen keine Nachteile entstanden waren.
Anstatt zu schreiben, nahm Rosi hastig den Kopfhörer ab, spulte das kleine Band zurück und rannte in Windeseile zum Kaffeeraum, wo die übrigen sieben Schreibkräfte saßen und sich gegenseitig Wochenenderlebnisse erzählten. In diese Montagmorgenstimmung platzte sie mit der Sensation: „Der Müller von ZI1 hat die Krasseck gebumst!“ Während sie das verkündete, versagte ihr fast die Stimme und ihr rundes Gesicht schwoll zu einer leuchtend roten Kugel an, von der man Angst haben musste, dass sie augenblicklich zerplatzte.
Hätte sie stattdessen gerufen, die Pest sei ausgebrochen, die Wirkung wäre nicht annähernd gewesen.
Fast wie aus einem Munde schallte ihr entgegen: „Im Leben nicht! Der Müller und die Krasseck? Niemals, woher willst du das wissen?“
„Kalinowsky hat es diktiert“, sagte die Überbringerin pikiert, machte auf dem Absatz kehrt und lief zurück in ihr Büro.
Nun kam Bewegung in die Gruppe und eh' man sich's versah, waren alle auf den Beinen und drängten in Richtung Schreibzimmer.
„Ruhe“, befahl nun die zuvor Angezweifelte in das Stimmengewirr, „ich stelle laut.“
Im nächsten Augenblick hörte man die krächzende Stimme von Kalinowsky aus dem kleinen Lautsprecher des Abspielgerätes. Während das Diktat ablief, konnte man eine Stecknadel fallen hören, einige Damen gerieten gar in Atemnot, weil sie vor lauter Aufregung vergaßen, Luft zu holen. Nach wenigen Minuten war das Band abgelaufen und für Sekunden trat eine Situation ein, die im Schreibdienst selten war: Es herrschte Schweigen!
Es war die oft zitierte Ruhe vor dem Sturm, denn nach einer Schrecksekunde brach ein Redeschwall los, der dem Geschnatter einer Gänseschar glich, die versucht, einen Fuchs in die Flucht zu schlagen. Die eine übertrumpfte die andere mit Ausdrücken der Verwunderung, des Erstaunens und der Entrüstung. Aber hier und da klang auch so etwas wie ungläubige Bewunderung gegenüber dem offensichtlich völlig unterschätzten Müller an.
Als sich der dichte Dampf der Aufregung etwas verzogen hatte, liefen die Damen eilig auseinander, jede an ihren Arbeitsplatz. Der Grund lag auf der Hand: Ein solch sensationelles Ereignis bedurfte der inneren Verarbeitung, und die erreichte man natürlich am besten, indem man über das sprach, was einen bewegte. Also riefen die Damen „ natürlich unter dem allerstrengsten Siegel der Verschwiegenheit “ ihre Vertrauenspersonen quer durch das Ministerium an.
Nun aber litten die neu Eingeweihten unter dem gleichen Druck wie die Informantinnen und suchten ebenfalls nach Linderung. Und so durchlief die Nachricht das Haus wie die Schockwelle eines schweren Erdbebens.